Psychologie in der Ostmark. Zwischen Ideologie und Dienstbarkeit.

Projektbeschreibung
Im April 2016 beginnt das vom Österreichischen Fonds für Wissenschaftsforschung sowie dem Zukunftsfonds der Republik Österreich mit einer Laufzeit von 36 Monaten finanzierten Projekts „Psychologie in der Ostmark. Zwischen Ideologie und Dienstbarkeit“ an der Sigmund Freud PrivatUniversität. Unter der Projektleitung von Prof. Gerhard Benetka und dem Projektteam Dr. Thomas Mayer und DDr. Martin Wieser wird eine systematische Aufarbeitung der Umbrüche und Kontinuitäten zwischen 1938 und 1945 im Bereich der psychologischen Theorie und Praxis angestrebt und nach der Rolle psychologischen Wissens zwischen „Anschluss“ und „Entnazifizierung“ gefragt, welche bis heute weder systematisch erforscht noch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist. Das Projekt bietet auf Basis einer umfangreichen Recherche von Primär-, Sekundär-, und Archivquellen und Zeitzeugeninterviews eine systematische historische Rekonstruktion und Kontextualisierung der theoretischen und praktischen Wissensformen, welche in der akademischen Psychologie zwischen 1938 und 1945 entwickelt wurden und die Disziplin auch in den folgenden Jahrzehnten entscheidend prägen sollten.

In Zeiten rasanter und fundamentaler politischer Umbrüche wird das dynamische Verhältnis und die wechselseitige Abhängigkeit von Wissenschaft und Politik besonders sichtbar und auch von den historischen Akteuren offen debattiert. Dieses Projekt fokussiert drei Ebenen dieser Wechselwirkung zwischen akademisch-psychologischem Wissen und politisch-militärischen Interessen: (1) theoretische Entwicklungen der akademischen Psychologie und deren Verhältnis zur nationalsozialistischen „Weltanschauung“, (2) wissenschaftspolitische und karrieristische Strategien der historischen Akteure und (3) die praktische Expertise und das technische Verfahrenswissen, welche an den drei Psychologischen Instituten der „Ostmark“ in Wien, Graz und Innsbruck entwickelt wurden. Diese drei Ebenen umreißen das historiographische Untersuchungsinteresse dieses Projekts, welches als wissenschaftshistorischer Beitrag zur Analyse des wechselseitigen Einflusses und der Abhängigkeit von wissenschaftlichem Wissen, politischen Vorgaben und Interessen und der Rolle argumentativer und wissenschaftspolitischer Strategien wissenschaftlicher Akteure, die sich zwischen diesen Sphären bewegten, konzipiert ist.

Die zentralen Forschungsfragen dieses Projekts lauten wie folgt: Welche wissenschaftspolitischen Strategien charakterisieren die Entwicklung der akademischen Psychologie nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938? Welche Akteure konnten ihre Positionen, trotz des wachsenden politischen Drucks und der Militarisierung der Universität, erfolgreich halten? Welche rhetorischen Strategien erwiesen sich als wirkungsvoll, um politische Entscheidungsträger zu beeinflussen? Welche Rolle spielte psychologisches Wissen im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Bevölkerungs- und Rassenpolitik, der Deportation und Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ und der Mobilisierung der Massen in Kriegszeiten? Welche Schlüsse können aus der Geschichte der Psychologie in der „Ostmark“ in Zusammenhang mit der Frage nach Kontinuität und Bruch der Wissenschaftsgeschichte Österreichs gezogen werden? Diese Forschungsfragen leiten dieses Projekt, um das fachhistorische Wissen über die Interaktion und wechselseitige Abhängigkeit von Wissenschaft und Politik während des Zweiten Weltkriegs zu erweitern und den Beitrag der akademischen Psychologie zu nationalsozialistischen Kriegsverbrechen aufzuarbeiten.

Projektleitung
Univ. Prof. Dr. Gerhard Benetka

Projektteam
Dr. Thomas Mayer
DDr. Martin Wieser

Projektfinanzierung
Österreichischen Fonds für Wissenschaftsforschung
Zukunftsfonds der Republik Österreich

Projektstart
April 2016

Projektende
April 2019

Kontakt
gerhard.benetka@sfu.ac.at
martin.wieser@sfu-berlin.de