Die Entwicklung der Studierenden der Psychotherapiewissenschaft während des Studiums

(Pilotprojekt Interviews mit Studierenden und Lehrenden; Querschnittanalyse mittels Fragebögen, Längsschnittstudie über 5 Jahre)

Projektbeschreibung

Bisher wurden die in Österreich gesetzlich festgelegten Lehrinhalte, die Grundlage für die Profession als PsychotherapeutIn sind, ausschließlich in nichtuniversitären, in Vereinen organisierten Einrichtungen gelehrt. Weltweit erstmalig wurde nun ein grundständiges Studium der Psychotherapiewissenschaft eingerichtet, das in seinem Studienplan diese Lehrinhalte integriert und mit methodenübergreifenden wissenschaftlichen Inhalten ergänzt.

Psychotherapeutische Fähigkeiten und Fertigkeiten, wie sie Voraussetzung für die Profession sind, werden an der SFU innerhalb eines akademischen, wissenschaftlichen Studiums gelehrt. Dies setzt eine enge Verschränkung zwischen Theorie und Praxis voraus und den Unterricht verschiedener psychotherapeutischer Methoden unter einem Dach, der auch die nötige Kohärenz und die persönliche Entwicklungsmöglichkeit der Studierenden gewährleisten muss.

Da das Studium bereits nach der Matura begonnen werden kann, bedeutet das, dass bereits unter 24-Jährige mit der Ausbildung beginnen, ohne zuvor einen anderen Beruf erlernt oder ein anderes Studium abgeschlossen haben zu müssen.

Aus diesen Besonderheiten ergeben sich mehrere interessante Forschungsfragen:

• Zum Unterschied von den üblichen psychotherapeutischen Ausbildungsinstitutionen können die Studierenden eine berufliche Erst-Identität als Psychotherapeutin oder Psychotherapeut entwickeln, so wie es in anderen Heil- und sonstigen Berufen auch der Fall ist. Wie entwickelt sich eine entsprechende Identität? Ist ein Unterschied zu bemerken gegenüber jenen, die einen anderen Erstberuf – somit eine andere berufliche Identität hatten?

• Da man an anderen Einrichtungen erst in einem höheren Alter mit der Ausbildung beginnen kann, stellt sich die Frage, ob unsere jungen Studierenden die nötige „Reife“ und Lebenserfahrung mitbringen, um das Studium zu absolvieren. Dabei muss man sich allerdings fragen, wie „Reife“ zu definieren ist und worin sie sich äußert. Denn wenn jemand bereits früh weiß, dass er Psychotherapeut werden will, kann es auch sein, dass er oder sie durch besondere Lebensumstände und Lebenserfahrungen eine „Reife“ aufweist, die andere möglicherweise erst später haben. In dem Zusammenhang kann man sich auch die Frage stellen, wann zum ersten Mal der Wunsch, Psychotherapeut zu werden, aufgetaucht ist.

• Unterscheiden sich junge Studierende im Hinblick auf die Arbeit mit PatientInnen von älteren Studierenden? Wie werden junge Studierende von den PatientInnen wahrgenommen, ist der Therapieverlauf anders?

• Inwieweit sind die Inhalte der gesetzlich vorgeschriebenen Ausbildungsschritte noch zeitgemäß, und inwiefern sind Zulassungsbedingungen, wie eine vor der Ausbildung abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Alter von mindestens 24 Jahren, im Lichte heutiger Erkenntnisse noch gerechtfertigt?

• Wie lässt sich die Entwicklung der Studierenden während des Studiums beschreiben?

• Wie wirkt sich der Umstand aus, dass Studierende einerseits jeweils neben ihrem methodenspezifischen Unterricht auch ein für alle gleiches wissenschaftliches Studium erhalten? Mit anderen Worten: Was bedeutet die Verbindung von Profession und Wissenschaft für die Entwicklung der eigenen beruflichen Identität? Wirkt sie eher verunsichernd, oder vertieft sie sie? Und was bedeutet das Zusammensein mit Studierenden aus anderen Fachrichtungen in Hinblick auf die eigene berufliche Identität? Wirkt es eher verunsichernd, oder vertieft es sie?

• In dem Zusammenhang ergeben sich weitere Fragen, vor allem im Vergleich zur Vereinsausbildung: An der SFU herrscht ein „richtiges“ Studentenleben, weswegen man sich fragen kann, ob es – wie es beim Studentenleben im Allgemeinen der Fall ist – auch hier durch freieren Austausch und rege private Kontakte charakterisiert ist. Kann sich der Einzelne daher freier entfalten, als es in den traditionellen Ausbildungsvereinen der Fall ist, die nach mehrheitlicher Ansicht von Kritikern eher in Richtung Anpassung an herrschende Strukturen orientiert sind, weswegen zum Beispiel Johannes Cremerius „die psychoanalytische Ausbildung zwischen Berufsschule und Priesterseminar“ einordnet?

• Durch das weltweit erstmalige Angebot, unterschiedliche Therapieschulen unter einem Dach auszubilden, ist es nicht nur möglich, ihre Qualität zu vergleichen, sondern sich auch eingehender mit den Gründen für die Wahl einer bestimmten Schule zu befassen. Zum Beispiel: Wer wählt warum psychodynamische (Individualpsychologie, Psychoanalyse) oder nicht-psychodynamische Wahlpflichtfächer?

• Weitere Fragestellungen ergeben sich, wie die Studierenden den Weg zur psychotherapeutischen Profession erleben, wie sich eine entsprechende Identität ausbildet, welche der Ausbildungsschritte besonders hilfreich waren.

• Die Einschätzung jener Lehrenden, die die Studierenden während des gesamten Studiums begleiten, hinsichtlich deren inhaltlicher und emotionaler Kompetenz wird den Ergebnissen der Selbsteinschätzung der Studierenden gegenübergestellt.

In diese Fragestellungen werden Studierende im Rahmen ihrer Abschlussarbeiten mit einbezogen.

Projektleitung
Ass. Prof.in Dr.in Jutta Fiegl

Projektteam (alphabetisch)
Univ. Prof. Dr. Omar Gelo
Dr. Kathrin Mörtl
Univ.-Prof. Dr. Brigitte Sindelar
Ansis Jurgis Stabingis
Alojzija Terbuc
Mag. Elitsa Tilkidzhieva
Dr. Erzsebet Toth

Studierende
Anastasiya Bunina
Martin Link
Birgitta Schiller
Elitsa Tilkidzhieva
Irina Zamfirescu

Kooperationspartner (alphabetisch)
Dr. Igor Okorn, Slowenien
Univ.-Prof. David Orlinsky, Chicago
Dr. cand. Ansis Stabingis, Litauen

Projektstatus
Schritt 1: Pilot- Testphase 2011/12
Schritt 2: Querschnittstudie WS 2011/12 – SS 2013
Schritt 3: Longitudinalstudie/ Evaluation: Studierende der Psychotherapiewissenschaft WS 2013 – SS 2018

Projektstart
WS 2011

Projektende
SS 2018

Vorträge und Poster:

Schiller, B., Toth, E., & Moertl, K. (2015). Individual paths of becoming a psychotherapist [poster presentation]. 8th European Conference on Psychotherapy Research. Society for Psychotherapy Research, Klagenfurt.

Gelo, O. & Moertl, K. (2015). Studying the development of psychotherapy trainees: The SPRISTAD international collaborative multisite project. [Structured discussion]. 8th European Conference on Psychotherapy Research. Society for Psychotherapy Research, Klagenfurt.

Zamfirescu. I., & Moertl, K. (2015). Zum Reifebegriff in der Psychotherapieausbildung [Vortrag]. Kongress Praxisorientierte Psychotherapieforschung. Gesundheit Österreich in Kooperation mit dem Bundesministerium für Gesundheit, Wien.

Abschlussarbeiten:

Schiller, B. (2015). Differenzielle Stile ressourcenorientierten Copings im psychotherapeutischen Ausbildungsprozess. Abschlussarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Bakkalaureat der Psychotherapiewissenschaft, Sigmund Freud Universität, Wien

Zamfirescu, I. (2015). Zum Reifebegriff in der Psychotherapieausbildung. Eine qualitative Studie aus Expertensicht. Abschlussarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Master of Science der Psychologie, Sigmund Freud Universität, Wien

Publikationen:

Fiegl, J., & Sindelar, B. (2014). Zur Frage der Eignung für die Psychotherapieausbildung. SFU Forschungsbulletin: 2014:2, S 27-44.

Kontakt E-Mail
jutta.fiegl@sfu.ac.at